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Jüdisches Osteuropa als Land von Kulturkämpfen

Haus der Universität

 

Prof. Dr. Cyril Aslanov (Universität Aix-Marseille)

Von 1860 bis 1941 wohnten in Osteuropa mehr als 5 Millionen Juden. In dieser ostjüdischen Bevölkerung existierten viele innere Spannungen, die man als Kulturkämpfe bezeichnen könnte, insoweit als sie von kulturellen Prioritäten und nicht von ideologischen Inhalten geprägt waren: 1. Der ererbte Konflikt zwischen den Misnagdim und den mystischen Pietisten, der schon im 18. Jahrhundert mit der Tätigkeit des Gaons von Wilna (1720-1797) begonnen hatte; 2. Der Konflikt zwischen der russisch-jüdischen Adaptation der Haskalah (jüdische Aufklärung) und den Chassidim; 3. Der Generationskonflikt zwischen dem alten theokratischen Lebensweg und dem Streben nach persönlicher Emanzipierung, die häufig die jüngeren Generationen von den älteren Generationen entfremdete; 4. Der Konflikt zwischen dem Proto-Zionismus bzw. Zionismus und dem Bundismus (die autonomistische sozialistisch-revolutionäre jüdische Bewegung).

Dieser Konflikt zwischen den Zionisten und den Bundisten spiegelte sich in der Rivalität zwischen dem erneuerten Hebräischen der Haskalah und dem Jiddischen wider. Während das Hebräische sich dem modernen Leben angepasst hatte, bis es sich als mündliche Sprache im osmanischen und mandatorischen Palästina, einer Fortsetzung des jüdischen Osteuropas weiterentwickelte, wurde Jiddisch durch die publizistische Tätigkeit des oben erwähnten Zederbaums und die literarische Illustration von Mendele Mojcher Sforim (Shalom Abramowicz, 1835-1917), dem Großvater der modernisierten jiddischen Literatur, in den Status einer standardisierten Schriftsprache erhoben. Die Rivalität zwischen den beiden nationalen Sprachen in Osteuropa gipfelte im Jahr 1908, als die Czernowitzer Konferenz stattfand, wo Jiddisch als die nationale Sprache der osteuropäischen Juden, zusammen mit Hebräisch, offiziell von jüdischen politischen und kulturellen Aktivisten anerkannt wurde.

Die bolschewistische Revolution führte zu einer gewissen Radikalisierung bzw. Verwandlung der oben erwähnten Kulturkämpfe: Das Judentum wurde als Religion von der sowjetischen Regierung bekämpft, oft unter der aktiven Mittäterschaft der Evsketsija, der jüdischen Sektion, die das jüdische religiöse Leben im Namen der gottlosen Ideologie des Marxismus-Leninismus auslöschen wollte. Der Zionismus, der zwar mit der Linken identifiziert wurde, war nicht ausreichend marxistisch und wurde deshalb mehr und mehr verdrängt. Die jüdischen Bürger verließen das sowjetische Russland (UdSSR seit 1924) und reproduzierten in verschiedenen Ländern, wie dem Mandatsgebiet Palästina, Charbin in der Mandschurei, Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik, Polen und den baltischen Länder ihren häufig russifizierten Lebensstil.

In diesem Vortrag will Prof. Cyril Aslanov zeigen, wie diese verschiedenen Frakturlinien zwischen zwei Arten von Frömmigkeit (Misnagdim/Chassidim), zwischen Frömmigkeit und Antireligiösität, sowie zwischen einem Palästina-orientierten hebräischsprechenden Zionismus und einem nach einer lokalen jüdischen Autonomie strebenden jiddischredenden Bundismus, sich im Lauf der Jahrzehnte addierten, anstatt sich gegenseitig aufzuheben. Die bolschewistische Revolution, der Stalinismus und die nationalsozialistische Judenvernichtung, die schon im Jahr 1941 in den von Nazi-Deutschland eroberten Territorien der UdSSR angefangen hatte, haben teilweise den Sitz im Leben jener Kulturkämpfe aufgelöst. Doch kann man im heutigem Israel, ein Staat, der von osteuropäischen Juden begründet worden ist, oder in großen Diasporen, besonders in den Vereinigten Staaten, wo die jüdische Bevölkerung meistens aus Osteuropa stammt, noch Spuren und Fortsetzungen jener Kulturkämpfe finden.

Cyril Aslanov wurde 1992 an der Universität Paris IV Sorbonne im Fach griechische Linguistik promoviert und habilitierte sich an der Universität Paris VII Denis Diderot. Von 2003 bis 2014 war er außerordentlicher Professor für Linguistik an der Hebrew University Jerusalem, seitdem ist er Professor an der Universität Aix-Marseille. Außerdem gehört er der Akademie für hebräische Sprache in Jerusalem an. Seine Forschungsgebiete sind die historische Linguistik, die komparative Linguistik, Sprachkontakträume (insbesondere im Mittelmeergebiet) und Lyrik.

Veranstaltungsdetails

11.06.2024, 19:00 Uhr - 20:30 Uhr
Prof. Andrea von Hülsen-Esch (HHU)
Ort: Haus der Universität, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf
Verantwortlichkeit: