23.01.2020 13:37

Neujahrsempfang der Rektorin - jetzt mit Redetext zum Herunterladen

Politik gehört an die Unis

Von: Carolin Grape

Über 700 Gäste begrüßte die Rektorin am 22. Januar zum Neujahrsempfang an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU): darunter hochrangige Vertreter aus Diplomatie, Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur. Im Fokus ihrer mit viel Applaus bedachten Rede setzte sich Prof. Dr. Anja Steinbeck mit einer sensiblen Frage auseinander: Wie politisch muss eine Universität sein, wie neutral sollte sie sein? Die Rektorin bezog persönlich Stellung: Politische Debatten gehören an die Universitäten – nicht Mitspielen ist keine Lösung.

Entscheidungen, die eine Hochschulleitung zu treffen hat, gleichen mitunter einem Drahtseilakt. Diesen verdeutlichte Karikaturist Nick Ebert eigens für die Neujahrsrede von Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck.

Passend zum Thema der Neujahrsansprache war viel politische Prominenz gekommen: (v.l.) Kerstin Griese (Parlamentarische Staatssekretärin für Arbeit und Soziales, MdB), Oberbürgermeister Thomas Geisel, Hochschulrats-Vorsitzende Anne-José Paulsen, Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck sowie Prof. Dr. Andreas Pinkwart, NRW-Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie. (Foto:Wilfried Meyer / HHU)

 

In jüngerer Zeit wird an Hochschulen und im Wissenschaftsbetrieb – teils emotional – die Frage diskutiert, ob und worüber Politiker an einer Universität sprechen dürfen. Viele, auch namhafte Wissenschaftler, sehen den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn als zwingende Voraussetzung universitärer Tätigkeit. Sie lehnen Veranstaltungen mit parteipolitischer Ausrichtung unter Berufung auf das Neutralitätsgebot, dem Hochschulen unterliegen, grundsätzlich, ab: „Wissenschaft produziert Erkenntnisse, keine Meinungen!“.

Die Rektorin der HHU sieht das differenzierter: Man schieße über das Ziel hinaus, wenn man den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zur zwingenden Voraussetzung universitärer Tätigkeit erklärt. Damit stelle man jeglichen Transfer von Wissen in die Gesellschaft in Frage.

Das Gebot der politischen Neutralität bedeute im Kern Chancengleichheit  – keine politische Partei dürfe einseitig benachteiligt oder bevorzugt werden, solange sie nicht als verfassungswidrig eingestuft sei. Es bedeute eben nicht, dass Hochschulen politikfrei sein müssten. Allerdings räumte sie ein: „Die Beantwortung gleicht einem Drahtseilakt, das Balancieren auf dem Seil der Politik ist wacklig, aber herunterspringen keine überzeugende Strategie.“

Die Universität müsse einen Ausgleich finden zwischen der „reinen Wissenschaft“ und ihrem Anspruch, die Studierenden zu Persönlichkeiten, zu kritischen und wachen Bürgern und Bürgerinnen heran zu bilden: „Dieses Ziel können wir nur erreichen, indem wir Studierende mit Politik konfrontieren und ihnen Gelegenheit dazu geben, den politischen Diskurs mit offenem Visier zu üben. Wer nach dem Studium in eine verantwortungsvolle Position kommt, sollte gelernt haben, sich auch mit dem auseinanderzusetzen, was die Welt jenseits seines Faches bewegt“.

Und in Richtung Politik: „Wenn wir möchten, dass Politikerinnen und Politiker unsere wissenschaftliche Ergebnisse ernst nehmen und zur Grundlage ihres politischen Handelns machen, dann sind wir gut beraten, den Dialog mit ihnen zu führen – und zwar auch in unseren eigenen Räumen. “

Gerade für Austausch von kontroversen Meinungen und umstrittenen Thesen  – insbesondere in Zeiten zunehmender Polarisierung  – sei die Universität „keine Zensurbehörde“, sondern der Ort, um fatale Ideologien zu analysieren, zu entlarven und argumentativ zu bekämpfen: „Es ist ein Gebot der rhetorischen Logik, dass ich Ansichten nur dann entgegentreten kann, wenn ich ihre Argumente kenne. Wenn an einer Institution, an der ich beteiligt bin, Leute eingeladen werden, deren Haltungen mir nicht passen, verlangt es die Toleranz nicht, dass ich mir meinen Widerspruch verkneife. Aber sie verlangt, dass ich andere, unbequeme Positionen nicht unterbinde. Verweigerung ist keine Strategie gegen den Sirenengesang, egal on von rechts oder von links.“

Allerdings gebe es für den Dialog klare Grenzen: Die hochschulpolitische Öffentlichkeit dürfe nicht für Wahlkämpfe und Meinungskampagnen missbraucht werden. Deshalb plädierte die Rektorin für ein Verbot von politischen Veranstaltungen vier bis acht Wochen vor einer Wahl. Die Grenze des Zulässigen sei erreicht, wenn eine Universität Bedrohungsszenarien antizipieren könne, also Gefahren für die Sicherheit der Teilnehmer oder unbeteiligter Dritte. Dann müsse die Veranstaltung abgesagt werden. Gleiches gelte, wenn ernsthaft zu befürchten ist, dass Inhalte und Thesen vertreten werden, die verfassungsfeindlich sind.

Anja Steinbecks persönliches Fazit: Eine Universität ist ohne politische Debatten nicht denkbar.

In ihrem Jahresrückblick 2019 erinnerte die Rektorin an die Einführung des neuen Logos sowie an herausragende Veranstaltungen, wie die Nacht der Wissenschaft mit ca. 10.000 Besuchern, das 25jährige Jubiläum der Juristischen Fakultät, den Einzug in das Medizinische Forschungszentrum II sowie die feierliche Einweihung der baulichen Erweiterung des oeconomicums. Auch die kurzfristig aus Brandschutzgründen notwendig gewordene Räumung eines Campusgebäudes, in dem überwiegend Angehörige der Philosophischen Fakultät untergebracht waren, konnte dank der Zusammenarbeit aller Beteiligten schneller als gedacht erfolgen.

Ausblick auf 2020: Eines der zentralen Themen ist ‚Nachhaltigkeit‘. Die Hochschulleitung arbeite mit allen Hochschulgremien an Strukturen, die sicherstellten, dass die Thematik fest in Forschung und Lehre verankert werde. Zudem stellte die Rektorin für Frühsommer den Relaunch der Webseite in Aussicht. Als letzten Höhepunkt stellte die Rektorin den neuen Heinrich-Heine-Gastprofessor vor: Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer wird im März und April diesen Jahres in drei Veranstaltungen über „Heinrich Heine – Liebe, Revolution, Europa“ sprechen.

Nach ihrer Rede zeichnete die Rektorin Univ.-Prof. Dr. Andrea von Hülsen-Esch (Prorektorin für Internationales von 2014 bis 2019) sowie Univ.-Prof. Dr. Martin Mauve (Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät von 2015 bis 2019) in Anerkennung ihrer Verdienste mit der Ehrenmedaille der Universität aus.

Ebenfalls bereits gute Tradition:
Zum Abschluss des Neujahrsempfangs entführten zwei kurzweilige Vorträge in die aktuelle Forschung: So hielt Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. Svenja Caspers (Institut für Anatomie I an der HHU; Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM –1) am Forschungszentrum Jülich) den Vortrag ‚Das wahre Alter spielt sich im Kopf ab‘. Sie überraschte mit neuen Erkenntnissen zur Gehirnalterung und zu den Einflüssen aus Umwelt und Genetik. Viele haben es geahnt: Altern ist sehr individuell.

Den Philosophen Prof. Markus Schrenk (Philosophie III, Metaphysik und Sprachphilosophie) interessierte, ob es Kunstwerke gibt oder geben kann, die die Propriozeption zum Wesenskern haben. Er hinterfragte diese Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Vorgänge in ihm (Körperbewegung und  –lage im Raum, des Gleichgewichts, der Muskelspannung und  –dehnung, Schmerz, Temperatur, Energie – und Stresslevel etc.). Der nächste Museumsbesuch bekommt so eine neue Dimension.

 

Neu: der komplette Redetext der Rektorin als pdf-Dokument
Hier können Sie den Redetext herunterladen (pdf)

 

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